8. Juni 2012
Aus aktuellem Anlass möchte ich meinen Leserinnen und Lesern meine Rede aus dem Wiener Landtag in gekürzter Fassung zur Verfügung stellen. Ich habe damals über die Notwendigkeit demokratischer Reformen gesprochen und auch einen konkreten Vorschlag gemacht, wie man über die Implementierung der "Komplementären Demokratie" den wichtigsten Herausforderungen der Neuzeit und der Zukunft begegnen soll. Lest selbst...
Rede im Wiener Landtag am 10.7.2008
Sehr geehrter Herr Präsident! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Liebe Gäste auf der Galerie! Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer im Internet! Liebe Kolleginnen und Kollegen!
[...] Die EU ist für uns junge Menschen etwas ganz Selbstverständliches, schließlich sind wir mit und in ihr aufgewachsen. Wir bewegen uns frei und können uns in ganz Europa wie zu Hause fühlen. Viele Barrieren, die Generationen vor uns noch überwinden mussten, sind für meine Generation überhaupt kein Thema mehr. Viele Probleme können auch nur mehr auf europäischer Ebene gelöst werden. Meine Generation denkt Umweltpolitik, Energiepolitik oder auch Sicherheitspolitik nur mehr in europäischen Dimensionen. Europa bietet ungeahnte Möglichkeiten, an die wir Jungen uns eigentlich schon gewöhnt haben. Wir leben in Frieden und denken europäisch.
Meine Damen und Herren! Meine Generation lebt in diesem Europa ganz selbstverständlich, und wir sind uns bewusst, dass unser aller Leben ohne die Europäische Union ein wesentlich komplizierteres, unangenehmeres und letzten Endes wohl auch unruhigeres wäre.
Ich möchte daher heute und von hier aus auch ganz klar meinen Dank aussprechen, und zwar an all jene Visionärinnen und Visionäre, an all jene Frauen und Männer, die nach dem Zweiten Weltkrieg die Notwendigkeit eines nachhaltigen Friedensprojektes erkannt und auch ganz konkret gehandelt haben.
[...] Wir leben gerne in diesem Europa, aber das Grundsätzliche ist: Wir erwarten uns wesentlich mehr von diesem Europa und fordern es auch ein, auch deshalb, weil wir wissen, dass Europa zu wesentlich mehr fähig ist. Wenn versucht wird, die Europäische Union weiter nach tradiertem, nationalstaatlichem Muster zu bauen, die Menschen nicht teilhaben zu lassen und hinter verschlossenen Türen Entscheidungen zu treffen, die das Leben von Millionen Menschen beeinflussen, so wird man scheitern. Mögen die Informationskampagnen noch so ausgeklügelt und gut gemeint sein, es geht nicht nur darum, die EU zu erklären, es wird in Zukunft darum gehen, die Europäische Union gemeinsam mit den Menschen zu denken und weiterzubauen.
Die Europäerinnen und Europäer sind mittlerweile mündige, informierte und kritische Bürgerinnen und Bürger, die sofort spüren, wenn etwas auf dem Spiel steht. Und in diesem Sinne verstehe ich auch die in ganz Europa und vor allem in unserem Lande vorherrschende Stimmung, die sich meiner Meinung nach nicht gegen die EU an sich wendet, sondern gegen eine ganz bestimmte Art von Politik, nämlich: Mehr privat, weniger Staat, egoistische Ellbogenmentalität soll ökonomisch belohnt werden, Umverteilung hin zu einigen wenigen Wohlhabenden et cetera, et cetera.
Ist es da nicht fast logisch, dass die Menschen sagen: Stopp! Bis dahin und nicht weiter! Wir wollen Veränderung.
Wir dulden es nicht, dass unsere EU von Lobbyisten und multinationalen Konzernen als Selbstbedienungsladen missbraucht wird.
Wir dulden es auch nicht, dass die EU auf internationaler Ebene teilweise neoliberaler und gegenüber Entwicklungsländern restriktiver vorgeht als die USA!
Wir dulden es nicht, dass dem Prinzip der Subsidiarität nicht entsprochen wird.
Wir dulden es nicht weiter, dass Entscheidungen an uns vorbei getroffen werden, nicht sichtbar und meist auch nicht nachvollziehbar.
Die Europäerinnen und Europäer wollen nicht weniger EU und sie hassen sie auch nicht. Es ist genau umgekehrt: Sie wollen mehr EU, aber richtig. Das Zukunftsprojekt soll auch als solches verstanden und gelebt werden. Manchmal genügt es auch, nur ein wenig hineinzuhören in die europäische Bürgerschaft.
Die europäische Zivilgesellschaft beteiligt sich lebhaft, kreativ und ideenreich an der Werdung Europas. Es gibt unzählige Initiativen, deren aufrichtiges Interesse es ist, Europa weiterzudenken, die Völker einerseits und ihre politischen EntscheidungsträgerInnen andererseits zu inspirieren.
Das irische Nein ist bisher das letzte Kapitel eines Verfassungs- beziehungsweise Vertragsprozesses, der irgendwie nicht werden sollte. Man hat auf viele verschiedene Strategien gesetzt, Namen und Artikel abgeändert, und ich denke, dass der vorliegende Entwurf zum Vertrag von Lissabon wesentliche sozialpolitische und demokratiepolitische Fortschritte aufweist – auch auf diese ist der Herr Landeshauptmann vor einigen Wochen detailliert eingegangen, deswegen möchte ich sie hier nicht noch einmal aufzählen –, und ich bin überzeugt davon, dass der Vertrag von Lissabon einen qualitativen Quantensprung bedeutet hätte, deshalb befürworte ich den Vertrag auch heute noch.
[...] Es gibt viele Stimmen, auch aus der Zivilgesellschaft, die meinen, nicht der Vertrag an sich sei das Problem, sondern die Werdung des Vertrages. Sie fragen, ob es nicht selbstverständlich ist, dass die Menschen nichts vom Vertrag wüssten, nachdem sie auch nicht am Entstehungsprozess teilnehmen konnten.
Ein paar Tage nach dem irischen Nein, welches dann das Demokratiedefizit offensichtlich werden ließ, wurde von vielen ein Plan B angedacht. Ich bin überzeugt davon, dass wir Politikerinnen und Politiker immer wieder in die europäische Bürgerschaft hineinhören sollten – nicht, um ungefragt und kritiklos Positionen zu übernehmen, sondern um voneinander zu lernen.
Ich persönlich etwa finde jenen Ansatz interessant und mindestens diskussionswürdig, der im so genannten „Wiener Appell" ein paar Tage nach dem irischen Nein von der Initiative Zivilgesellschaft formuliert und an die europäische Bürgerschaft gerichtet wurde. Meiner persönlichen Meinung nach kann ein europapolitischer Diskurs, wie wir ihn heute führen, durch Anregungen solcher Art befruchtet werden. Deswegen möchte ich hier einige Diskussionspunkte ganz wertfrei einwerfen.
Zentral ist den InitiatorInnen des „Wiener Appells" die Forderung nach einer Ergänzung der repräsentativen Demokratie durch die so genannte dreistufige Volksgesetzgebung, wo Initiativ- und Abstimmungsrecht gekoppelt sind. Sämtliche Entscheidungen des Europäischen Parlaments stünden so unter einem Popularvorbehalt, somit würden sie auch wirkliche demokratische Legitimität erfahren.
Als unerlässlich wird die so genannte Medienbedingung angesehen.
Der „Wiener Appell", der auf
www.impuls21.net zu finden ist, meint etwa: Damit das Prinzip der Souveränität der europäischen Rechtsgemeinschaft kein bloß abstraktes beziehungsweise bloß aufs Wählen reduziertes bleibt – womit ja die Souveränität zwar ausgeübt, aber im selben Augenblick auch pauschal an die so genannten repräsentativen Organe abgegeben wird – muss nach dem Vorschlag des „Wiener Appells" ein dreifaches Grundrecht als permanent verfügbar eingerichtet werden.
1. Das außerparlamentarische Initiativrecht. Mindestens eine Million Bürgerinnen und Bürger der EU sollen sich zusammenschließen können, um eine Gesetzesinitiative oder ein allgemeines politisches Anliegen an das Europäische Parlament zu richten. Findet dies die mehrheitliche Zustimmung im Parlament, erlangt es Rechtskraft.
2. Das Bürgerschaftsbegehren. Es kann eingeleitet werden, wenn das Parlament den Antrag ablehnt. Es müssen mindestens zehn Millionen Erklärungen für das Begehren gesammelt werden, danach kann das Anliegen erneut auf die Agenda des Parlaments kommen.
3. Der Bürgerschaftsentscheid. Er findet nach dem Abschluss des Bürgerschaftsbegehrens statt, und verbindlich wird, was die Mehrheit der an der Abstimmung Teilnehmenden beschließt.
Von entscheidender Bedeutung im Prozess eines solchen dreistufigen Verfahrens wäre jedoch, welche Rolle den Medien für die Urteilsbildung der Bürgerschaft zur jeweiligen Sache zukommt.
Eine Medienbedingung ist in der heutigen massenmedialen Gesellschaft erforderlich. Deshalb bedürfte es im plebiszitären Verfahren einer geeigneten Regelung, damit in der Zeit bis zum Bürgerschaftsentscheid für das Pro und Contra zum jeweiligen Sachverhalt, den eine Initiative auf die Agenda gestellt hat, die freie und gleichberechtigte Information und Diskussion gewährleistet ist. Die Institution eines Ombudsrates sollte mit den Vertretern der beiden Seiten – der InitiativträgerInnen einerseits und der Medien andererseits – das Entsprechende vereinbaren.
Soweit die zentralen Punkte des „Wiener Appells".
Meine Damen und Herren! Unabhängig davon, ob ich persönlich oder meine Fraktion diese Vorschläge aufgreifen werden oder nicht, mit diesem Beispiel möchte ich aufzeigen, dass es nie falsch ist, die Menschen nach ihrer Meinung zu fragen. Wie Sie sehen, hat die Zivilgesellschaft praktikable und durchdachte Lösungsansätze parat. Die vorhin zitierten Gedankengänge und Vorschläge bergen etwa das Potenzial in sich, das Demokratieproblem der EU langfristig lösen zu können. Und so wie diese gibt es auch viele andere gute Vorschläge und Ideen, die diskutiert und geprüft werden sollten. [...]
Meine Damen und Herren! Ich möchte meine Kernpunkte noch einmal zusammenfassen:
Die EU bürgt für und garantiert Frieden und hat vielen Europäerinnen und Europäern mehr Wohlstand gebracht.
Die EU ist ein Projekt der Zukunft, und sie kann wesentlich mehr als traditionelle Nationalstaaten.
Wem die EU wirklich am Herzen liegt, der darf sie nicht Lobbyisten und Vertretern von Partikularinteressen überlassen. Ein Selbstbedienungsladen EU für einige wenige Hyperkonzerne ist nicht die europäische Vision meiner Generation.
Die EU muss eine politische Sozialunion werden, die eine Demokratie auf der Höhe der Zeit leben wird. Die EU kann es sich nicht erlauben, im Verhältnis zu Nationalstaaten demokratiepolitische Rückschritte zu machen. Vielmehr muss sie mutig und innovativ vorangehen.
Wir Sozialdemokraten und Sozialdemokratinnen tragen als einzige politische Bewegung die Demokratie auch im Namen. Sie bedeutet keine leere Worthülse, sondern sie ist unsere Verpflichtung, und zwar seit den ersten Tagen der Arbeiterbewegung. Wir wissen: Ohne die Lösung des Demokratiedilemmas auf europäischer Ebene wird es letzten Endes auch nicht die Lösung der sozialen Frage geben.
Die Geschichte zeigt uns: Immer dann, wenn die Demokratie gelitten hat, wo Volkssouveränität in Frage gestellt oder gar verunmöglicht wurde, immer dann hat dies auch zwangsweise zu sozialen Schieflagen und in weiterer Folge zu Katastrophen geführt.
Ich möchte es aus unserer sozialdemokratischen Perspektive wie folgt umschreiben: Der neoliberale Kapitalist duldet die Demokratie maximal, jedenfalls braucht er sie nicht, jedoch für die alleinerziehende Mutter ist Demokratie in letzter Konsequenz existenzsichernd.
Die EU ist bisher von oben herab entstanden – das ist historisch erklärbar und nicht zu verurteilen, aber die europäischen Völker haben immer stärker das Bedürfnis, selbst Teil dieses einzigartigen Projektes zu sein. Wir haben die Verpflichtung, die Europäische Union mit den Menschen gemeinsam zu bauen, in die Zivilgesellschaft hineinzuhören und uns durch Ideen inspirieren zu lassen.
Wir Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten sind für einen ehrlichen, kritischen und zukunftsorientierten Diskurs mit den Menschen, deren Lebensumstände unmittelbar von Entscheidungen in der EU betroffen sind. Wenn am Ende eines Diskurses eine Volksabstimmung stehen sollte, sehen wir das nicht als Katastrophe, sondern als zarte Vorhut zu einer Entwicklung zu wahrhaftiger Demokratie, hin zu einer umfassenden europäischen Volkssouveränität, zu einer Entwicklung, die alternativlos ist.
Entweder wird die EU eine wirkliche demokratische, soziale, politische Union der europäischen Bürgerschaft und der europäischen Völker oder sie wird als gutgemeintes, aber leider gescheitertes Projekt einiger Idealisten in die Annalen der Geschichten eingehen.
Wir Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten jedenfalls arbeiten an der Zukunft eines Europas des Friedens, des Wohlstandes, der Arbeit, der Verteilungsgerechtigkeit und der Freiheit. Gemeinsam mit den Menschen! – Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.
Die ungekürzte Rede ist als Wortprotokoll hier zu finden:
http://www.wien.gv.at/mdb/ltg/2008/ltg-019-w-2008-07-10-026.htm