Die Freiheit der Kunst ist unantastbar

Das Böse ist nicht durch Zensur desselben zu besiegen sondern nur in einer offenen und freien Gesellschaft

In der Wiener Kunst,- Kultur- und Politlandschaft findet zurzeit ein sehr wichtiger Diskurs statt. Es geht um die zentrale Frage, ob die Politik Einfluss auf künstlerische Darbietungen ausüben soll. Ich sage: nein, unter keinen Umständen. Die Freiheit der Kunst ist nicht nur ein Ideal der humanistischen Linken sondern, auch eine der wenigen tragenden Säulen einer freien Gesellschaft.

Ausgangspunkt dieser Diskussion ist die vor einigen Tagen erfolgte Absage eines Konzertes der Band „Die Hinichen“, in einem von der Stadt Wien subventionierten Kulturbetrieb, nach einem Telefonat eines Gemeinderatskollegen von den Grünen mit dem Betreiber eben dieses Kulturbetriebs. Die „Hinichen“ – bestehend aus Frauen und Männern – beschreiben sich selbst als „Prolo-Rock-Kabarett“ und machen mit niveaulosen, frauenfeindlichen, sexistischen und menschenverachtenden Werken auf sich aufmerksam. Die Grenzüberschreitung und das bewusste Spiel mit politischer Unkorrektheit zwecks Provokation scheint die Strategie dieser Band zu sein. Es soll lustig sein. Ich finde es nicht lustig. Nicht mein Geschmack, nicht mein Stil – ich wende mich mit Abscheu ab. Ich werde solche Geisteshaltungen politisch immer bekämpfen.

ABER! Darf/soll/muss ich als (Kultur)-Politiker einschreiten? Darf/soll/muss ich Einfluss auf die Programmierung oder Einmietungsstrategie von Kulturbetrieben ausüben? Darf/soll/muss ich Einhalt gebieten, wenn Darbietungen extremster Art gebracht werden? Oder anders gefragt: Habe ich als (Kultur)-Politiker das Recht, meine eigenen politisch-moralischen Überzeugungen über das Ideal der Freiheit der Kunst zu stellen? So emotional aufwühlend es auch ist, auch solche Kunst wie die der „Hinichen“ zu dulden; so sehr mir die hinichen Texte durch Mark und Bein gehen; so sehr ich davon überzeugt bin, daß sie die Welt nicht besser, sondern schlechter machen – weil ich Demokrat und Humanist sein möchte, sehe ich eine meiner Pflichten auch darin, mit dem Geiste zu denken und mit dem Herzen zu fühlen, und nicht umgekehrt. Und deswegen erachte ich es jetzt als meine demokratische Pflicht zu rufen: Hände weg von der Freiheit der Kunst!

Ob die Zurufe nach Einschränkungen aus der reaktionär-konservativen Ecke kommen, ob vom Boulevard oder aus der linken Zivilgesellschaft: Hände weg von der Freiheit der Kunst!

Ich selbst habe meine Kindheit in einem totalitären Regime erlebt und erfahren, was mit einer Gesellschaft geschieht, die Denkverboten, Tabu-Vorgaben und Einschränkungen des Geisteslebens ausgesetzt ist. In einer solchen Gesellschaft schwindet mit der Zeit die Lust am Diskurs, es macht sich eine geistige Apathie breit und irgendwann arbeiten nur mehr Produktionseinheiten nebeneinander her, anstatt, daß Menschen miteinander leben. In einer solchen Gesellschaft fehlt in einem Notfall ein zivilgesellschaftliches Korrektiv, weil die Unfreiheit auch das wertvollste erodiert hat, was wir Menschen haben: unseren freien, schöpferischen Geist.

In einer solchen Gesellschaft ist es dann ein Leichtes, Minderheiten oder Schwache zu verfolgen.

Eine geistdurchdrungene und reife Gesellschaft ist immer noch das stärkste Bollwerk gegen gesellschaftszersetzende Tendenzen. Ein „starker“ Staat alleine ist es keineswegs!

Unsere effektivste Waffe gegen Sexismus, Rassismus, Faschismus, Stalinismus oder Xenophobie ist einzig und allein der freie Geist, der sich aber nur in einer freien Gesellschaft ausformen kann und der nur in einer freien Gesellschaft zu seiner vollen Entfaltung kommt.
Ein Kind wird sich nur dann zu einem freien und verantwortungsbewussten Erwachsenen entwickeln, wenn es im richtigen Alter auch mit den bösen und gesellschaftszersetzenden Tendenzen konfrontiert wird und in diesem Moment nicht alleine gelassen wird. Umso wichtiger ist die Bildung und Sensibilisierung in der Familie, in der Schule, durch die Politik und die Medien.

Ich persönlich erachte die Kunst der „Hinichen“ als geistigen Müll. Mir wäre es am liebsten wenn sie irgendwann kein Publikum mehr haben. Aber hätten wir als Gesellschaft je gelernt, Mülltrennung zu betreiben, wenn wir uns selbst angelogen hätten, daß es gar keinen Müll gibt? Nein. Und deswegen fordere ich dazu auf, sich auch mit dem geistigen Müll zu befassen (der übrigens nicht nur von den „Hinichen“ verursacht wird sondern in viel schädlicherem Ausmaß – weil intelligenter verpackt – von Hasspredigern aus Politik und Medien). Erst durch die kritische Befassung mit geistigem Müll löst er sich auf, nicht durch Zensur, Wegschauen, Wegsperren oder Ignorieren.

Auch wenn es für uns alle eine große Herausforderung an Geist und Seele ist: die Freiheit der Kunst ist unantastbar.

Weiterführende Links:

Artikel in der Presse: http://diepresse.com/home/kultur/popco/1321913/Kontroverse-um-Die-Hinichen

Artikel im Standard: http://derstandard.at/1353208604720/Absage-von-Hinichen-Konzert-IG-Autoren-spricht-von-Schande

Blogbeitrag meines Grünen Kollegen Klaus Werner Lobo: http://klauswerner.com/2012/12/09/uber-freiheit-kunst-und-zensur/#more-1818

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.