Beuys-Aufreger: Notwendiger Leserbrief an den Spiegel

In diesen Tagen soll ein Buch eines gewissen Hans Peter Riegel über den politischen Künstler und Anthroposophen Joseph Beuys erscheinen, der Spiegel hat die „Biografie“ – soferne man das Machwerk überhaupt so bezeichnen soll – in seiner aktuellen Ausgabe rezensiert. Unkritisch, nicht geprüft – also journalistisch höchst verantwortungslos. Mein Freund und Sozialwissenschafter Herbert Schliffka hat heute einen Leserbrief an den Spiegel verfasst, den ich euch im Interesse der Wahrheit und Aufklärung unbedingt empfehlen möchte:

Leserbrief zum Spiegel-Artikel über die Beuys-Biographie von Hans Peter Riegel,
der in der Ausgabe Heft-Nr. 20, am 13. Mai 2013 erschienen ist:

Da der Spiegel die von Hans Peter Riegel verfasste „Biographie“ über Beuys unkritisch rezensiert hat, fördert er die Verharmlosung von rechtsradikalen Ideologien und Aktivitäten.
Denn, wenn nachweislich freiheitlich-demokratisches Gedankengut als ein solches beschrieben wird, das dem rechtsradikalen nahe steht, dann werden die Grenzen verwischt. Wenn Freiheits- und Demokratiefreunde als Nazifreunde diffamiert werden, wird rechtes Gedankengut fahrlässig verharmlos, weil es in Verbindung mit der Freiheits- und Demokratieidee aufgewertet wird.

Mit den beiden Bundestags-Direktkandidaten Joseph Beuys und dem Anthroposophen Otto Schily arbeitete ich 1980 als Vorstandsvorsitzender der neugegründeten Grünen Partei in Düsseldorf zusammen. Ich erlebte Beuys wöchentlich bei den Kreisverbandssitzungen. Obwohl er schon ein weltweit bekannter Künstler gewesen ist, war er nicht überheblich. Wir konnten ihn als einen, außergewöhnlich liebenswürdigen Menschen erleben. Individuelle Freiheit und die Liebe zu den Menschen in ihrer Entwicklung, das waren Antriebsfedern für seine Aktivitäten zur Neugestaltung der Gesellschaft. Als Bildhauer begriff er diese als eine zu gestaltende
„soziale Skulptur“, an deren Herausbildung jeder Mensch beteiligt – also „ein Künstler“ – ist.

Aufruf-zur-Alternative-1978Ich gehörte zu der in Achberg gegründeten „Aktion Dritter Weg“ (A3W), einer Gründungsorganisation der Grünen, die dort als „Achberger Kreis“ bekannt war, weil August Haußleiter sie so bezeichnet hatte. Seit 1978/79 beteiligten sich „die Achberger“ gemeinsam mit der von Joseph Beuys initiierten „Freie Internationale Universität“ (FIU), an der Gründung der Grünen. Eine gemeinsame ideelle Grundlage war der „Aufruf zur Alternative“ jenseits von Kapitalismus und Kommunismus.

Er erschien am 23.12.1978 als Beitrag von Beuys in der Frankfurter Rundschau. Der auf der
Grundlage der Gedanken von Wilhelm Schmundt verfasste Aufruf zeigt eindeutig, dass das völlige Gegenteil von einem nationalistischen oder gar totalitären Gesellschaftssystem angestrebt wird. Die Verwirklichung von individueller Freiheit, Demokratie und einer solidarischen globalen Wirtschaft wird angestrebt.

Was die Demokratie betriff, zeigt dies das von Beuys 1971 gegründete und 1972 auf der Documenta 5 ausgestellte „Büro für Direkte Demokratie“ und die ab 1983 in Achberg gegründete „Aktion Volksentscheid“, an deren Wirken Beuys beteiligt war. Sie führte zum Aufbau der neueren Demokratie-Bewegung, die eine komplementäre Demokratie anstrebt, in der die bloß parlamentarische Gesetzgebung durch eine Volksgesetzgebung in drei Verfahrensschritten (1. die freie außerparlamentarische Gesetzes-Initiative, 2. das Volksbegehren, 3. der Volksentscheid, nach vorheriger freier und gleichberechtigter Information) ergänzt wird.

Enthält die von Hans Peter Riegel verfasste „Biographie“ über Beuys auch die oben angedeuteten ideellen Grundlagen für die Aktivitäten von Beuys oder enthält sie im Prinzip nur die Aussage, dass jeder Mensch – also auch Beuys – es im Nachkriegdeutschland mit vielen „Altnazis“ und national gesinnter Menschen zu tun hatte? Das teilt uns Ulrike Knöfel in ihrer Rezension nicht mit.

Muss man in einer Beuys-„Biographie“ die Untaten dieser Menschen, denen man begegnen musste, wenn man die Gesellschaft neu gestalten wollte, auf 596 Seiten aufzählen, damit auch ihre späteren Taten in diesem Licht erscheinen? Das sollte sich H. P. Riegel und potentielle Leser vor dem Kauf seines Buches fragen.
Nehmen wir hier z.B. nur August Haußleiter, den ehemaligen stellvertretenden Vorsitzenden der CSU und späteren Mitbegründer der Gründungsorganisation der Grünen AUD.
Es ging im Gründungprozess der Grünen kein Weg an ihm vorbei, weil es am Anfang hauptsächlich sein Werk war, die vielen grünen, alternativen und bunten Splitterparteien, sowie die außerparlamentarischen Organisationen gegen AKWs, für Umweltschutz, für Frieden usw. in der Grünen Partei zu vereinen.

Und die vom „Achberger Kreis“ eingebrachte Idee der „Einheit in der Vielfalt“ machte es möglich, dass die großen ideologischen Gegensätze, die in der Anfangszeit der Grünen vorhanden waren, so lange überbrückt werden konnten, bis der Parteibildungsprozess gelang. Die Gegensätze erstreckten sich vom rechten Rand, vertreten durch Nationalrevolutionäre, über national gesinnte, konservative Umweltschützer, Jungdemokraten, linke Sozialdemokraten, undogmatische Linke bis hin zu einem starken linken Rand, an dem sich kommunistische Revolutionäre, besonders von den maoistisch geprägten „K-Gruppen“ einmischten.

Beuys und seine Achberger Freunde waren von bürgerlich und sozialdemokratisch gesinnten, bloßen Umweltschützern weit entfernt. Aber mehr noch waren sie von totalitären und autoritären Ideologien des rechten und linken Randes entfernt. Dies wird man in dem wahrheitswidrigen, diffamierenden und sensationserheischenden Pamphlet von H. P. Riegel nicht finden. Anders als bei ihm werden diese Unterschiede kenntnis- und detailreich im Buch von Silke Mende tatsachengerecht beschrieben. Die überarbeitete Fassung ihrer Dissertation über die „Geschichte der Gründungsgrünen“ erschien 2011 unter dem Titel „Nicht rechts, nicht links, sondern vorn“. Beuys war vorn – Avantgarde! Er wusste: Die Ursache liegt in der Zukunft.

Achberg, 14.5.13 Herbert Schliffka (Dipl. Soz.Wiss.)

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