Zum Geisteskampf um Joseph Beuys – Leserbrief #2

Joseph_beuys_signatureRund um die Veröffentlichung einer Beuys-„Biografie“, die in der aktuellen Ausgabe des Spiegel in einer zutiefst unkritischen, anscheinend ungeprüften und also verleumderischen Art und Weise rezensiert wird, ist ein Geisteskampf entbrannt. Nicht unbedingt vor den Augen der Medien-Öffentlichkeit – Geisteskämpfe werden schon seit jeher im Verborgenen gefochten. Umso schöner, daß man ihnen im Zeitalter der digitalen und demokratischen Medienwelt eine öffentliche Bühne bieten kann. Ich sehe es als meine Pflicht einen Beitrag zur Wahrheit und Aufklärung zu leisten und möchte aus diesem Grund erneut einen Text von Freunden empfehlen. Ich habe vor einigen Tagen den Leserbrief meines Freundes Herbert Schliffka online gestellt.

Nun möchte ich euch einen aktuellen Text von Gerhard Schuster und Christoph Klippstein näher bringen verbunden mit der Bitte an Medienvertreterinnen und Vertreter, Journalistinnen und Journalisten: Sie tragen viel demokratiepolitische Verantwortung, umso wichtiger sind journalistische Tugenden wie wahrhaftige und an Wahrheit interessierte Recherche! Manchmal bekommt man den Eindruck, das Interesse besteht eher an einer „geilen“ Story als an der Wahrheit.

Nun aber zum Text von Gerhard Schuster und Christoph Klipstein.

Zu: „Kunstborn“ von Ulrike Knöfel, in: Der Spiegel 20/2013 vom 13. Mai 2013

Wie soll man es auffassen, wenn ein Mensch mit Lügen und Verzerrungen so charakterisiert wird, dass ihm das, wofür er eintrat, abgesprochen wird, das, wogegen er stand, unterstellt wird? Aus welchen Motiven auch immer es geschehen mag, es ist ein Angriff.

Die Munition für diese Attacke liefert Hans-Peter Riegels neues Buch mit dem vermessenen Titel „Beuys: Die Biographie“. Ulrike Knöfel mag sich dahinter verstecken, die Publikation bloß zu rezensieren, doch dies hätte auch mit kritischer Distanz geschehen können. Diese fehlt gänzlich. Im Gegenteil, der Artikel macht die Sache reißerisch auf. Der Titel „Kunstborn“ und die entsprechenden Foto-Illustrationen eröffnen die Front in eindeutige Richtung! „Es ist halt der Spiegel!“, mag man sich denken, „Nicht anders zu erwarten.“ Doch wer der Lüge nicht entgegentritt, macht sich mitschuldig. So einfach kann es sein. Und sollte dies nicht besonders für jene gelten, die ja, wie der Artikel vorgibt, es zu tun, für sich in Anspruch nehmen, Mittäterschaft und Mitläufertum im Nationalsozialismus aufzuklären? Oder wird die „Nazikiste“ nur aufgemacht, um die Auflage zu steigern? „Es ist halt der Spiegel!“, mag man sich denken…

Joseph Beuys zu unterstellen, er habe eine „totalitäre Gesellschaft angestrebt“, ist unvergleichlich absurd. Beuys hat in einer bewegten Zeit Mitstreiter und Weggefährten gesucht, mit denen eine als notwendig erkannte Erneuerung der sozialen Verhältnisse aus ihren Fundamenten heraus angestrebt werden konnte, eine emanzipierte Gesellschaft „mit dem Antlitz des Menschen“, wie es etwa auch aus dem Prager Frühling heraus zu vernehmen war. Freiheit, Demokratie und Sozialismus waren die Ideale, die auch schon die Dreigliederungsidee Rudolf Steiners kannte. Der Ort, der dafür ein Zentrum bildete war das noch heute bestehende Internationale Kulturzentrum Achberg. Keine „Heimstätte für offenbar viele Menschen mit [Nazi-]Vergangenheit“, sondern Begegnungsort für Repräsentanten der verschiedensten Strömungen, unter ihnen nicht wenige Überlebende des Holocaust, die, wie beispielsweise Ossip K. Flechtheim, große Hoffnungen mit dieser „Werkstatt einer neuen Gesellschaft“ verbanden, die auch in dem Selbstverständnis gegründet wurde, gerade durch ihre Arbeit einen Beitrag dafür zu leisten, die Wunde, die der Nationalsozialismus von Deutschland ausgehend geschlagen hatte, heilen zu helfen.

In Achberg haben für Beuys wichtige Begegnungen stattgefunden. So zum Beispiel mit dem als „Ex-Nazi“ verunglimpften Wilhelm Schmundt. Dessen weiterführende Arbeit an den sozialen Darlegungen Rudolf Steiners wurde eine der wichtigsten Grundlagen für Beuys. Was davon „ewiggestrig“ sein soll, kann man selbst in Erfahrung bringen, wenn man den auch heute noch hochaktuellen „Aufruf zur Alternative“, der am 23. Dezember 1978 in der Frankfurter Rundschau erschien, studiert.

Auch so gar nicht in das Bild einer „totalitären Gesellschaft“ passt Beuys‘ volkspädagogisches Wirken für die Idee der direkten Demokratie, das bis zu seinem Tod im Jahr 1986 in enger Zusammenarbeit mit jener auch heute noch aktiven zivilgesellschaftlichen Werkstatt in Achberg stand. Angesichts der vielfältigen gesellschaftlichen Krisensymptome in Deutschland und Europa würde es lohnen, die Spalten in den Magazinen und Zeitungen einer Debatte zu diesen Real-Utopien zu öffnen! Ich will nicht annehmen, dass der Zweck von Buch und Artikel der ist, dies gerade zu verhindern.

Gerhard Schuster, Wien
Christoph Klipstein, Achberg
15./16. Mai 2013

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Gerhard Schuster: www.zapata33.com

Ein weiterer Leserbrief von Rainer Rappmann ist hier zu finden: http://www.themen-der-zeit.de/content/Beuys-Biographie_Unredlichkeit_im_Mante.1733.0.html

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