Was wollte 1968 der Prager Frühling

Heute vor 45 Jahren, am 21. August 1968 wurde der „Prager Frühling“ gewaltsam niedergeschlagen. Die Truppen des Warschauer Paktes beendeten mit Waffengewalt den Versuch, einen „Sozialismus mit menschlichen Antlitz“ (Dubček) zu realisieren. Leider wird in der medialen Nachschau zum überwiegenden Großteil nur sehr oberflächlich berichtet, was die politischen Ziele der Menschen um den damaligen Präsidenten der CSSR Alexander Dubček tatsächlich waren. Ich möchte an dieser Stelle einen Beitrag zur Aufklärung leisten indem ich auf einen der erhellendsten Texte zu diesem Themengebiet verweise. Vorher möchte ich noch in meinen eigenen Worten versuchen, den Kern der Sache darlegen.

DRITTER WEG ALS ÜBERWINDUNG DES KOMMUNISMUS UND DES KAPITALISMUS

Bemerkenswert ist, dass der Versuch eines „Dritten Weges“ nicht nur vom totalitären Kommunismus als Bedrohung identifiziert und deswegen im Keim erstickt wurde. Auch in der Hemisphäre des Kapitalismus wurde 5 Jahre nach der Niederschlagung des Prager Frühlings – nämlich in Chile unter Salvador Allende – ein Versuch gestartet, den „Dritten Weg“ zu gehen. Dort war es der faschistisch-kapitalistische Putschist Gustavo Pinochet mit tatkräftiger Unterstützung der US-Luftwaffe, welche am 11. September 1973 mit brutaler militärischer Gewalt die demokratische Alternative beendet.

Worin besteht das Wesen des „Dritten Weges“? Warum hatten sowohl die Machthaber im Osten als auch im Westen so eine Angst davor? Deswegen, weil er im Stande ist, beide Ideologien zu überwinden. Nach 1968 (CSSR) und 1973 (Chile) gab es keinen ernsthaften Versuch mehr, die krankmachenden und zerstörerischen Systeme des Kapitalismus und Kommunismus zu überwinden. Die „Revolutionen“ um das Jahr 1989 bestanden leider nur darin, das eine kranke System durch das andere kranke System zu ersetzen. Die richtigen Ansätze waren im Hintergrund auch jetzt vorhanden, doch wurden sie von den einseitigen Interessen des Westens im Keim erstickt. In der DDR etwa wurde, unter dem Vorzeichen der sog. freien Marktwirtschaft und einer ausschließlich repräsentativen Demokratie, an die Stelle des Impuls „Wir sind das Volk“ die Wiedervereingungslogitk des Slogans „Wir sind EIN Volk“ gesetzt. Es ist eine Tragik der Geschichte, dass Menschen wie Vaclav Havel nichts mehr von der Überwindung beider Systeme – die so menschheitswidrig sind – wissen wollten. Man begnügte sich lediglich damit, den Kommunismus durch den Kapitalismus zu ersetzen.

Der Dritte Weg schließt an der Französischen Revolution an, deren Ideale bis heute nicht im richtigen Sinne realisiert sind. Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit wurden (vor 1989) in Ost und West unterschiedlich und mit Machtinteressen verbunden gewichtet. Während der Kommunismus die Brüderlichkeit im Sinne einer sozialistschen Wirtschaft hoch hielt, wurde die Freiheit mit Füßen getreten. Der Kapitalismus will wiederum ausschließlich die Freiheit – die Brüderlichkeit im Sinne eines Wirtschaftens für den Bedarf der Menschen und nicht für den Profit gilt hier nicht als anzustrebendes Ziel. Das Ideal der Gleichheit im Sinne verwirklichter Volkssouveränität wurde weder im Westen noch im Osten vollständig verwirklicht. Die Folge sind kranke Gesellschaften, die alles andere als nach dem Maße des Menschen gestaltet sind.

DREIGLIEDERUNG DES SOZIALEN ORGANISMUS – BAHNBRECHENDE ERKENNTNIS

Nun gilt es, die 3 Ideale der französischen Revolution von 1789 zeitgemäß zu denken und es geht vor allem darum, sie richtig zuzuordnen. Dabei hilft uns eine der bahnbrechenden Erkenntnisse des 20. Jahrhunderts, die die Menschheit Rudolf Steiner zu verdanken hat: die Erkenntnis der „Dreigliederung des Sozialen Organismus“. Er hat nicht nur erkannt, dass die Gesellschaft ein Organismus ist, ein Lebewesen sui generis. Er hat innerhalb dieses Sozialen Organismus auch 3 Lebensglieder erkannt: das Geistesleben, das Rechtsleben und das Wirtschaftsleben.

FREIHEIT – DEMOKRATIE – SOZIALISMUS

freiheit-demokratie-sozialismus-zdrDank dieser Erkenntnis der „Dreigliederung des Sozialen Organismus“ und der zeitgemäßen Interpretation der 3 Ideale der Französischen Revolution erschießt sich uns die politische Handlungsanweisung für das 21. Jahrhundert wie von selbst, fraktions- und parteienübergreifend: wir haben danach zu trachten, die FREIHEIT im GEISTESLEBEN, die DEMOKRATIE/GLEICHHEIT im RECHTSLEBEN und die BRÜDERLICHKEIT/SOZIALISMUS im WIRTSCHAFTSLEBEN zu realisieren, begleitet von einem dienenden Geldwesen und vermittelnden Kommunikationsstrukturen, die das Gegliederte wieder zu einem Ganzen integrieren.

Was diese Erkenntnis konkret für die unterschiedlichsten Sphären unserer Gesellschaft bedeutet – vom Bildungswesen über die demokratische Architektur bis hin zur Wirtschaftspolitik – dazu hat ››› Wilfried Heidt 1973 jenen Text verfasst, den ich meinen Leserinnen und Lesern als einen der wichtigsten Texte des 20. Jahrhunderts nahe legen möchte: „Das wollte 1968 der Prager Frühling“, Wilfried Heidt, 1973.

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