20. Februar 2012
„Es geht ums Ganze“ – Zum Tod Wilfried Heidts
Wilfried Heidt, geboren am 16. 4. 1941 in Karlsruhe, hat am 2. Februar die Schwelle des Todes überschritten. Sein Lebensweg war geprägt von einem vielgestaltigen Wirken aus dem Impuls der Dreigliederung des sozialen Organismus. Zu der weitgespannten Tätigkeit für das Ziel der Neugestaltung des gesellschaftlichen Lebens zählen neben der Arbeit an den Erkenntnisgrundlagen vor allem die praxisorientierten Aktivitäten im Zeitgeschehen: Die Mitwirkung an den politischen Entwicklungen der 60er und 70er Jahre mit der federführenden Beteiligung bei der Gründung der Grünen sind dafür ebenso ein Zeugnis, wie die bis in die Gegenwart hinein betriebenen „Demokratie-Projekte“ auf Grundlage der in Zusammenarbeit v.a. mit Bertold Hasen-Müller entwickelten Idee der „dreistufigen Volksgesetzgebung“.
Der Begriff „Zeitgeschehen“ meint dabei immer auch die Beachtung der historischen Anknüpfungspunkte für eine Dreigliederungsarbeit auf der Höhe der Zeit. So war es der Systemgegensatz einer in Ost und West geteilten Welt, der die Aufmerksamkeit schon während des Studiums in Basel auf alle politischen Strömungen lenkte, die im Sinne eines „Dritten Weges“ die Alternative jenseits von Kapitalismus und Kommunismus suchten. Im Prager Frühling mit seiner Idee von „Freiheit, Demokratie und Sozialismus“ – wie einige tschechoslowakische Reformer die Aufgabe wortgleich mit Rudolf Steiner umrissen – konnte Heidt eine zeitgeistgemäße Bewegung erkennen, deren maßgebliche Köpfe (Ota Sik, Ivan Svitak oder Eugen Löbl) dann ab 1973 in Achberg einen neuen Ort der Begegnung fanden; u.a. mit anthroposophischen Denkern, z.B. mit Hans Georg Schweppenhäuser, Hans Erhard Lauer oder Wilhelm Schmundt. Letzterer spielte mit seinen Arbeitsergebnissen eine herausragende Rolle für den weiteren Weg.
Es war die integrierende Kraft Wilfried Heidts die immer wieder die verschiedensten Strömungen zusammenführte. Auch Joseph Beuys, der bis zu seinem Lebensende 1986 ein Weggefährte war, beteiligte sich an den damals organisierten Jahreskongressen.
Wie diese Arbeit für den „Dritten Weg“, waren auch die genannten Demokratieprojekte immer am Puls der Zeit. Sie spielten im Epochenjahr 1989 in der BRD wie in der DDR eine Rolle von historischer Tragweite. Ein Kapitel europäischer Geschichte, das leider auch in der anthroposophischen Bewegung noch viel zu wenig bekannt ist.
Der genannte Ort Achberg, der durch all die Jahre wie ein Synonym für diese Arbeit stand, war der Schaffensmittelpunkt Wilfried Heidts. Hier ist vor allem die Begegnung mit Peter Schilinski zu nennen, durch die das „Schicksalsnetz“ gewoben wurde, aus dem dann vor 40 Jahren das Internationale Kulturzentrum Achberg gegründet werden konnte, das Heidt durch seine wissenschaftlichen, politischen und auch unternehmerischen Impulse bis zuletzt prägte. Die Gründung der heute in Wangen angesiedelten Waldorfschule oder der Unternehmensverband Aktion Dritter Weg wie auch das Projekt „Media Romania“ im siebenbürgischen Medias nach 1989/90 sind dafür herausragende Beispiele.
Gleichzeitig mit der Arbeit am sog. Konstitutionsproblem der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft trat in den 90ern die Konstitutionsaufgabe der Europäischen Union in den Blick. Mit der 1999 gegründeten Initiativ-Gesellschaft EuroVision konnte eine Arbeit begonnen werden, die über Deutschland hinaus vor allem in Österreich ein vitales zivilgesellschaftliches Leben entfaltet hat.
Diese letzte Etappe im Wirken Wilfried Heidts ab der Jahrhundertwende zeichnet sich besonders dadurch aus, dass auf dem Feld der Erkenntnis des sozialen Organismus weitere Vertiefungen gewonnen werden konnten. Es trat das Bild einer „neuen sozialen Architektur“ hervor, wo auf dem Fundament der Volkssouveränität die Gebiete des geistig-kulturellen, des politisch-rechtlichen und des wirtschaftlichen Lebens durch ein Netzwerk kommunikativer Verbindungen einerseits und zirkulierender monetärer Ströme andererseits zu einem Ganzen integriert werden. Neben der begrifflichen Beschreibung konnte diesem Zusammenhang auch architektonisch-künstlerisch Ausdruck gegeben werden: Der Medianum-Bau spiegelt mit seinen vier sich durchdringenden Kuppeln die Gesetzmäßigkeiten des sozialen Organismus auf der Stufe seiner heutigen Entwicklung im Zeitalter der Globalisierung wider.Als Wilfried Heidt am Lichtmesstag unerwartet starb, arbeitete er – in einem Kreis von Menschen, die in den letzten Jahren in intensivem und fruchtbarem Austausch mit ihm standen – an den Vorbereitungen einer Beratungskonferenz zur Frage, wie die anthroposophische Bewegung angesichts der zeitgeschichtlichen Herausforderungen im 21. Jahrhundert für den Impuls der Dreigliederung des sozialen Organismus weiter wirken kann. Diese notwendige Initiative wird fortgesetzt.
Gerhard Schuster verfasste diesen Nachruf gemeinsam mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeiterin in Achberg und Wien, Februar 2012
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Links:
Weblog von Wilfried Heidt: www.wilfried-heidt.de
Internationales Kulturzentrum Achberg im Humboldt Haus: www.humboldt-haus.de
IG-EuroVision: www.ig-eurovision.net
Weblog von Gerhard Schuster: http://www.zapata33.com/
Das Wiener Projekt "Kulturkuppel": www.kulturkuppel.org




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