11. Oktober 2011
Tschechien und Österreich - Geschwisterländer mit typischen Familienproblemen
Vaclav Havel ist 75. Ich gratuliere! Eine gute Gelegenheit, sich mit dem Verhältnis zwischen Tschechien und Österreich zu befassen. Seit dem Ende der Habsburger Monarchie sind beinahe 100 Jahre vergangen. Die Tschechische Nachrichtenagentur wandte sich an mich, um folgende Fragen zu beantworten:Was nimmt die Öffentlichkeit beider Länder Besonderes über die jeweils andere Seite wahr?
Ich kann diese Frage besser aus der österreichischen Perspektive beantworten. In Österreich werden einige tschechische Eigenschaften wahr genommen, so etwa die herausragenden Leistungen auf dem Gebiet des Fussballs oder des Eishockeys. Weiters wird erkannt, daß die Tschechinnen und Tschechen großen Wert auf Bildung legen. Das Selbstbewußtsein als ein Land des technologischen Fortschritts ist nicht zu übersehen, jedoch geht dieses vielen in meinem Land in Bezug auf Atomkraft ein wenig zu weit. Aus Selbstbewußtsein wird in Fragen der Atomtechnologie meiner Meinung nach blindes Vertrauen. Überspitzt formuliert könnte man sagen, daß der Glaube an Fortschritt und Technik den Gottesglauben abgelöst hat. Ob dies positiv ist, kann jeder für sich selbt beurteilen.
Tschechien wird auch rezipiert als ein Land der Kultur und der Geschichte, wir lieben das Essen und wir lieben das Bier. Und wir schätzen die tschechische Fähigkeit, ausgelassene Feste zu feiern. Das nächtelange Sitzen am Lagerfeuer, Gitarre zu spielen und Lieder zu singen sind anscheinend fester Bestadteil tschechischer Identität. Das ist wunderschön.
Jedoch scheint die neuere Geschichte auch tiefe Wunden hinterlassen zu haben. Die lange Zeit des Kommunismus haben mit Gewalt erreicht, was so schlecht für eine Gesellschaft ist. Bei meinen Besuchen spüre ich wenig Solidarität unter den Menschen, der soziale Kitt wurde entfernt, jede und jeder scheint nur für sich zu leben - ohne einem Gefühl für Gemeinschaft und Zusammenhalt. Der brutale Übergang von einem unmenschlichen System zum anderen - immerhin ist der Wechsel vom perfiden Kommunismus hin zum neoliberalen Kapitalismus über Nacht geschehen - ist wohl auch der Grund für das Fehlen von Gemeinschaftssinn. Dies scheint sich auch in die gesellschaftlichen Eliten - vor allem in die Medienwelt und die politische Welt - weiterentwickelt zu haben. Mich stört am tschechischen politischen System, daß es ganz ohne Anspruch auf Moral auskommen möchte. Es fehlt an moralischen Instanzen. Sagt es nicht viel über ein politisches System aus, wenn eine weltweit anerkannte und honorige Persönlichkeit wie Vaclav Havel vom Großteil der tschechischen VerantwortungsträgerInnen bis hin zum aktuell amtierenden Präsidenten entweder ignoriert oder gar angefeindet wird?
Aber dies scheinen Österreich und Tschechien gemeinsam zu haben, auch wir honorieren unsere größten Töchter und Söhne meist erst dann, wenn es diesen schon längst egal ist oder wenn es bereits zu spät ist.
In welchen Bereichen sind Ihrer Meinung nach heutzutage die mehreren gemeinsam erlebten Jahrhunderte zu erkennen, bzw. worin und warum merkt man diese am meisten?
Die gemeinsame Geschichte ist in Wien nicht zu übersehen, das Wiener Telefonbuch besteht zur Hälfte aus tschechischen Nachnamen. Ich könnte weiters verweisen auf die gastronomischen Parallelen oder das Hochhalten der Gemütlichkeit und Gastfreundschaft. Aber angesichts der langen gemeinsamen Geschichte ist es verwunderlich, wie wenig diese beiden Länder dann doch gemeinsam fühlen und leben. Ich wundere mich etwa darüber, daß es in Wien keine Tomas-Garik-Masarik-Strasse gibt. Ist doch dieser erste Präsident eines demokratischen europäischen Staates hier zur Schule gegangen. Auch in Prag vermisse ich die Verweise auf Persönlichkeiten oder Ereignisse, die das Potential des Verbindenden in sich tragen.
Ich vergleiche die 3 Länder Tschechien, Österreich und Ungarn mit 3 Geschwistern. Es besteht eine sehr enge Bindung, eine gemeinsame Geschichte und viele änliche Charaktereigenschaften. Österreich und Ungarn lieben sich jedoch und haben Lust daran, den jeweils anderen zu betrachten und Kontakt zu pflegen. Zwischen Österreich und Tschechien ist dies jedoch leider ein wenig anders. Diese beiden Geschwister stehen sich skeptisch gegenüber, sie prüfen sich immerzu und begegnen sich mit einer vertrauten Distanz. Ich führe dies nicht nur auf die vielen geschichtlichen Ereignisse wie den 2. Weltkrieg, die Vertreibung der Sudetendeutschen, die jahrzehntelange Trennung oder die Konflikte um Temelin zurück. Ich glaube, daß diese vetraute Distanz viel einfacher zu erklären ist: Tschechen und Österreicher sind sich bis auf die Sprache sehr änlich, umso besser wissen sie, auf welche negativen Eingenschaften sie beim jeweils anderen achten "müssen". Aber die Entspannung hat längst eingesetzt, diese Entspannung hat einen Namen: Europa.
Welche Rolle kann eine Kooperation in der Kommunalpolitik in dieser Angelegenheit spielen?
Wir müssen in unseren Städten hervorheben, was uns eint und was wir gemeinsam haben. Das reicht von Strassennamen über gemeinsame Kulturfestivals oder Sportereignisse. Warum ist es etwa nicht möglich, daß man den Traum einer gemeinsamen Eishockey- oder Fussballiga formuliert und verfolgt. Warum lernen viele tschechische Kinder zwar deutsch, aber wenig österreichische Kinder lernen tschechisch? Wir brauchen noch mehr schulischen und studentischen Austausch, wir brauchen noch mehr Kooperation im Film- und Musikbereich. Ich bin davon überzeugt, daß vor allem Kommunen und Städte die potenzielle Kraft in sich tragen, das Faktum der mitteleuropäischen Geschwisterschaft mit Leben zu erfüllen.
Das Konzept der Nationalstaaten hat seine Schuldigkeit getan, es ist ein Konzept der Vergangenheit. Auch wenn das sogar manche amtierenden Präsidenten wie Vaclav Klaus nicht verstehen wollen, die Zukunft liegt eindeutig in der europäischen Einigung. Es gibt keine Alternative zum vereinigen Europa!




8 Kommentare
Da muss man aber politsche Rahmenbedingungen vorher schaffen!
von Knut Ogris am 11. Oktober | #
Da muss man aber politsche Rahmenbedingungen vorher schaffen!
Ach ja, den Stof hat ein freund von Vaclav Havel geschrieben, einer der während der samtenen Revolution die Samisdat Videos gemacht hat.
von Knut Ogris am 11. Oktober | #
von Toni Straka am 11. Oktober | #
von Peko Baxant am 11. Oktober | #
Denken Sie drüber nach Herr Peko.
von Paul Vincent Riederer am 30. Oktober | #
Da aber meine Großmutter eine vertriebene Sudetendeutsche ist, die wirklich kein Nazi war, stört mich der Umgang der tschechischen Regierung mit diesem Thema bis heute, und was noch schlimmer ist: Die EU billigt diese Umstände auch noch!!!
von Stefan Puschmann am 10. November | #
von pekobaxant am 16. November | #
von Paul Vincent Riederer am 25. November | #